A Travellerspoint blog

By this Author: b.visser

Im Reich der Kims

Ein Abstecher nach Nordkorea - Teil I

sunny 27 °C

Hinweis: Der folgende Eintrag ist sehr ausführlich, da ich ein wenig Kontext zu dieser wohl aussergewöhnlichsten Destination unserer Reise geben möchte.

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In der zweiten Septemberwoche unternahmen wir von Peking aus eine sechstägige Reise in die Demokratische Volksrepublik Korea, wie Nordkorea offiziell heisst. Nordkorea ist eines der abgeschottetsten und unbekanntesten Länder unserer Welt und umso mehr mag es erstaunen, dass es Touristen überhaupt möglich ist, das Land zu bereisen.
Die Reise dorthin ist nur im Rahmen einer geführten Tour erlaubt. Verschiedene Anbieter im Ausland dienen als Vermittler, wir haben uns für einen Operator in Peking unter britischer Leitung entschieden. Dieser übernahm alle Formalitäten, organisierte die Visa und die Flüge und nach einem vorgängigen Instruktionstreffen konnten wir am 9. September unseren Flug mit der nationalen Flugline Air Koryo in die Hauptstadt Pjöngjang antreten. Dort angekommen, wurden wir nach sorgfältiger Inspektion unserer Mobiltelefone, iPad usw. von unseren beiden Betreuern in Empfang genommen, die uns die kommenden Tage praktisch rund um die Uhr begleiten würden. Die beiden, nennen wir sie "Senior" und "Junior", waren uns auf Anhieb sympathisch, was erheblich zu einem angenehmen Aufenthalt in Nordkorea beitrug.

Nordkorea ist übrigens ein äusserst sicheres Reiseland - die "Rund-um-die-Uhr-Betreuung" stellt sicher, dass alles wie am Schnürchen läuft.

Unsere Beweggründe
Darüber, ob eine Reise in ein Land, das mit eiserner Faust regiert wird, wo die Bevölkerung in bitterer Armut darbt und ein Führerkult zelebriert wird, der seinesgleichen sucht, moralisch vertretbar ist, kann man streiten. Wir und viele weitere Besucher sind jedoch der Meinung, dass der wenige Kontakt zur Aussenwelt, den Einheimische im Austausch mit Touristen erhalten, vielleicht langfristig dazu beitragen kann, Ressentiments und Vorurteile gegenüber dem Westen abzubauen und zu zeigen, dass auch von aussen ein genuines Interesse an Land, Leute und Kultur besteht.
Wer jedoch hitzige politische Diskussionen mit Einheimischen erwartet oder es als seine Mission betrachtet, vor Ort Kritik am Regime zu üben, ist eindeutig fehl am Platz. Man muss akzeptieren, dass die Geschichte, die einem aufgetischt wird, sehr einseitig (und häufig schlichtweg falsch) ist. Mit der Zeit wird man sich aber bewusst, dass jede Geschichte zwei Perspektiven hat. Eine davon haben wir näher kennengelernt.

Pomp und Gloria in Pjöngjang
Zu Beginn unserer Reise wurde uns in den ersten beiden Tagen der ganze sozialistische Bombast vorgeführt, um den kein Tourist herumkommt. Morgens früh ging es zum Mansudae Grand Monument, das aus zwei riesigen Statuen von Kim I. und Kim II. besteht, zu deren Füssen wir Blumen hinlegen und uns verbeugen "durften" - damit respektiert man einfach die lokalen Gepflogenheiten und es ist nichts anderes, als wenn man vor dem Betreten eines buddhistischen Tempels die Schuhe auszieht oder wenn die Frauen beim Betreten einer Moschee das Haupt bedecken.

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Heroische Standbilder flankieren den Platz.

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"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt ...", hiess es ja schon zu DDR-Zeiten.

Weiter gings zum Victorious Fatherland Liberation War Museum, in dem mit zahlreichen Dioramen, Schaubildern und einem schwer anti-amerikanischem Propagandafilm der Koreakrieg und die raffinierten Tricks und Strategien der Guerrillakämpfer unter Kim I. aufgezeigt werden. Der ganze Stolz sind einige abgeschossene Bomber, Panzer und ein gekapertes US-Aufklärungsschiff, die im Aussenbereich ihren letzten Standplatz gefunden haben.

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Senior (l.) und Junior (r.) zeigen den Weg durch die "Schützengräben" des Museums.

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Diese freundliche Dame kommentierte detailreich unseren Rundgang durchs Museum.

Nach so vielen Heldentaten Kims I. wurde es Zeit, uns anzusehen, wo der Grosse Führer das Licht der Welt erblickte. Dazu fuhren wir vor die Stadt, wo auf einem Hügel ein bescheidenes Bauernhaus von seiner ebenso bescheidenen Herkunft zeugen soll. Das ganze sah jedoch aus, als wäre es lange nach 1912, seinem Geburtsjahr, aufgestellt worden ...

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Nach einem opulenten Mittagessen besuchten wir das Party Foundation Monument (selbsterklärend). Bemerkenswert am offiziellen Parteiwappen ist, dass nebst dem bekannten Hammer und der Sichel noch ein Pinsel abgebildet ist - dieser steht für die Intellektuellen, die laut Ideologie ebenso wie Arbeiter und Bauern zum Wohl der Gesellschaft beitragen sollen.

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Das Monument, kunstvoll festgehalten als Ölgemälde.

Weiter gings zum 172 m hohen Juche-Tower, von dem sich ein wunderbarer Ausblick über die Stadt bot. "Juche" heisst übrigens die Philosophie, die Kim I. erfunden und zur Staatsideologie gemacht hat. Ihre Grundpfeiler sind politische Souveränität, wirtschaftliche Selbstversorgung und militärische Eigenständigkeit.

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Blick vom Turm auf Pjöngjang.

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So wohnt man in Pjöngjang.

Nächster Halt war die Grosse Studienhalle des Volkes, eine riesige Bibliothek mit angeblich Millionen von Büchern, die jedem koreanischen Bürger kostenlos offensteht. Es werden auch Vorlesungen gehalten, Fremdsprachen gelehrt und es gibt sogar "Internet" (die nette Bibliothekarin meinte voller Stolz, sie hätten gar 40 "Internet"!? - Bitte die Kommentarfunktion benutzen, wer weiss, wie der Plural von "Internet" lautet: Internets oder gar Internette?).

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Im Eingangsbereich der Studienhalle wird man vom Ewigen Präsidenten Kim Il-Sung begrüsst.

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Studierende beim Fremdsprachenbüffeln.

Am Ende des ersten Tages besuchten wir noch den Children's Palace, wo Kinder jeden Alters ausserschulisch Kunsthandwerk, Musik, Tanz, Sport usw. lernen und betreiben können. In einem Land ohne Facebook, iPads oder Computer-Games haben Kinder eben noch richtige Hobbys. Am Schluss wurden die Besucher mit einer perfekt einstudierten Darbietung belohnt, in der die Kinder voller Stolz ihr ganzes Können demonstrierten.

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Jeder fängt mal klein an ...

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Audienz beim Grossen Führer

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Am nächsten Morgen fuhren wir zum Höhepunkt eines jeden Besuchs in Pjöngjang: dem Kumsusan Sun Memorial Palace. Einst das Parlament, in dem Kim I. schaltete und waltete, wurde es nach seinem Tod 1994 in ein Mausoleum umgewandelt, wo der Ewige Präsident ähnlich wie seine ideologischen Genossen Lenin, Mao und Ho Chi Minh heute noch ehrenvoll aufgebahrt liegt. 2011 wurde Kim II. nach seinem Ableben in einem separaten Trakt hinzugefügt. Nach einer endlosen Fahrt auf Rollbändern (wie im Flughafen) an unzähligen Portraits vorbei, begleitet von Trauermusik, und Durchqueren einer Schuhputzanlage und einer Entstaubungsschleuse gelangt man in den abgedunkelten Saal, in dessen Mitte der Grosse Führer in einem Kristallsarg, zugedeckt mit der Parteiflagge, liegt. Eine Prozession von Besuchern schlängelte sich andächtig um den Leichnam, drei Mal musste man sich dabei verbeugen. Anschliessend wurden die Besucher in weitere Räume geführt, wo Auszeichnungen, Medaillen, die Staatskarrosse und sein persönlicher Zugwaggon gezeigt wurden. Anschliessend dann das gleiche Programm von vorne, diesmal beim Sohnemann Kim Jong-Il. Nach so viel Andacht tat ein Spaziergang in der weitläufigen Gartenanlage richtig gut.

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Besucherinnen kleiden sich für den Besuch dieser heiligen Stätte in traditionelle Gewänder.

Ach ja: Zum erwarteten Respekt vor den Führern gehört eine anständige Garderobe und für die Männer bedeutet das Hemd und Krawatte, was jeder anständige Backpacker schliesslich stets dabei hat. In weiser Voraussicht habe ich mich auf dem Textilmarkt in Seoul rechtzeitig ausgestattet :)

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Zum Verschnaufen fuhren wir anschliessend zur Stadt hinaus auf einen nahegelegenen Berg, von dem sich nach einem kurzen Aufstieg eine schöne Aussicht über Pjöngjang und das Umland bot. Unsere beiden Führer hatten sich den Nachmittag wohl etwas weniger schweisstreibend ausgemalt, aber sie blieben bei guter Laune :)

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Zurück in der Stadt durften wir die berühmt-berüchtigte U-Bahn besuchen und sogar eine (!) Station weit mitfahren (obwohl eigentlich fünf angekündigt waren). Um dieses Bauwerk ranken sich viele Mythen: Manche behaupten, es gebe gar kein U-Bahnnetz, sondern nur zwei Stationen mit Statisten, die den Touristen etwas vorgaukeln sollen. Viel wahrscheinlicher ist, dass einige der gerade mal 17 Stationen nicht in Betrieb sind, weil der Strom chronisch knapp und der Unterhalt teuer ist. Fakt ist jedenfalls, dass das Rollmaterial aus ausgemusterten Wagen der Berliner U-Bahn besteht. Der Prunk der beiden besichtigten Stationen erinnerte jedenfalls an das Moskauer Vorbild.

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Das bescheidene U-Bahnnetz.

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An jeder Strassenkreuzung anzutreffen: Pjöngjangs kesse Politessen.

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Der Triumphbogen zu Ehren Kim Il-Sungs erster Ansprache zum Volk - ganze 3 Meter höher als sein Pariser Vorbild.

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Das Wiedervereinigungsmonument: Je eine der Frauen steht für eine Landeshälfte.

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Blick vom Kim-Il-Sung-Platz über den Fluss zum Juche-Turm.

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Abendstimmung in Pjöngjang, gesehen von unserem Hotelzimmer aus im 34. Stock.

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Das Ryugyong Hotel. Der Schein trügt: Fast zwei Jahrzehnte lang verunstaltete der nackte Rohbau das Stadtbild, da sich die Investoren zurückgezogen hatten. Erst kürzlich wurde die Fassade verkleidet, dahinter steht der Koloss jedoch immer noch leer.

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Besuch im "Foreigners Bookshop", wo wir uns mit den gesammelten Werken der Kims hätten eindecken können.

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Festlich gekleidet huldigen die Pjöngjangerinnen am Nationalfeiertag (9. September) dem Grossen Führer.

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Schulkinder ziehen nach Schulschluss singend durch die Strassen.

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Ein Jugendorchester gibt Marschmusik zum Besten.

Posted by b.visser 03:55 Archived in North Korea Tagged kim dprk pyongyang il-sung jong-il Comments (1)

Koreas kulinarische Köstlichkeiten


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Die koreanische Küche ist bei uns anders als beispielsweise in den USA relativ unbekannt. Bulgogi, Bibimbap und Gimbap sind bei uns lange noch nicht so bekannt wie Sushi, Thai Curry oder Nasi Goreng. Umso spannender ist es daher, vor Ort auf kulinarische Entdeckungsreise zu gehen.
Die koreanische Küche ist natürlich stark geprägt vom grossen Nachbarn China. Reis und Nudeln tauchen bei jeder Mahlzeit auf, Fisch und Fleisch, vor allem Schwein, sind sehr beliebt. Zu den geschmacksgebenden Zutaten zählen Sojasauce, Zwiebel, Knoblauch, Ingwer, Sesam und Chili. Auf letzteres sind die Koreaner besonders stolz: Unentwegt wird betont, dass man in Korea, anders als in Japan, gerne scharf isst. Wobei "scharf" immer relativ ist ... ;)

Des Koreaners täglich Kohl

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Der Grundpfeiler der koreanishen Küche, das eigentliche Nationalgericht, kommt unauffällig daher: Zu jeder Mahlzeit wird eine kleine Schüssel mit leicht welkem, rötlichen Kohl gereicht. Es handelt sich um Kimchi - scharf eingelegter, fermentierter Chinakohl. Trotz seiner etwas labbrigen Erscheinung hat der Kohl noch Biss und nebst der Chilischärfe und den Gewürzen schmeckt man deutlich die durch die Gärung entstandene Säure. Im Prinzip ist Kimchi das koreanische Pendant zu unserem Sauerkraut. Kohl - in diesem Fall Chinakohl - wird durch Salzen und Fermentieren so für den Winter haltbar gemacht. Heute gibt es Kimchi natürlich in jedem Supermarkt zu kaufen, aber viele koreanische Haushalte pflegen diese Tradition der Herstellung immer noch.

Grillieren mit Zange und Schere
Bei Einheimischen und Besuchern gleichermassen beliebt ist das koreanische Barbecue, Bulgogi. Wo man hinkommt, werben BBQ-Restaurants mit ihrem reichhaltigen Fleischangebot - beliebt sind Rinderrippe, Sirloin, Schweinekoteletten, Schweinebauch, aber auch jegliche Arten von Innereien. Hat man sich für ein Restaurant entschieden, setzt man sich an einen Tisch mit einer runden Öffnung in der Mitte. Nachdem verschiedene kleine Beilagen wie (natürlich) Kimchi, eingelegtes Gemüse, Suppe und verschiedene Saucen aufgetragen wurden, wird ein Topf mit glühenden Kohlen in das Loch platziert. Auf einem Rost grilliert man anschliessend das zuvor ausgewählte Fleisch, das man mit einer Schere in mundgerechte Stücke schneidet. Ist das Fleisch gar, packt man ein Stückchen davon zusammen mit den Beilagen seiner Wahl in ein Salatblatt und verzehrt das Päckchen in einem Biss.
In der Regel darf der Gast sein Fleisch selber grillieren (macht Spass). Manchmal wird einem die Arbeit aber auch abgenommen (macht weniger Spass). Da Koreaner in der Regel beim Essen keine Zeit verlieren, ist der Grillplausch so nämlich nach knapp 15 Minuten vorbei und der Kohlepott wird wieder abtransportiert. Wir haben nicht herausgefunden, ob sie uns Westlern das korrekte Zubereiten des Fleisches nicht zutrauen oder ob es als höfliche Dienstleistung gelten soll ...

Das Fleisch wird fachmännisch auf dem Grill drapiert ...

Das Fleisch wird fachmännisch auf dem Grill drapiert ...

... und mit viel Geschick zerteilt

... und mit viel Geschick zerteilt

Viel Grünes und Scharfes als Beilage

Viel Grünes und Scharfes als Beilage

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Gut gewickelt ist halb gegessen
Dass man in Korea die Speisen gerne in etwas einwickelt, merkt man auch beim Gericht Ssambap: Eine vielzahl kleiner Gerichte, darunter verschiedenes eingelegtes Gemüse, getrockneten Fisch, eingelegter Tintenfisch, Tofu usw. werden gemeinsam mit etwas Reis in verschiedene Blätter gewickelt und in Sauce gedippt. Die Anzahl der servierten Gerichte wird durch den Preis und die Qualität des Restaurants bestimmt. Wir waren überrascht, als wir für umgerechnet 18 Franken zwölf (!) Gerichte aufgetischt bekamen, inklusive gratis Nachschlag, auf den wir danken verzichteten.

Eine reich gedeckte Tafel

Eine reich gedeckte Tafel


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Klein und fein
Eher ein Snack als eine eigentliche Mahlzeit sind Mandu, kleine frittierte oder gedämpfte Teigtaschen, gefüllt mit Schwein oder Poulet und Gemüse. Sie sind eng verwandt mit den japanischen Gyoza oder den chinesischen Jiaozi. Man nennt sie manchmal auch "potsticker dumplings". Bei dieser Variante werden die Teigtäschchen in eine Bratpfanne gesetzt und angebraten, wobei sie am Pfannenboden festbacken. Dann werden sie mit Flüssigkeit abgelöscht und fertig gedämpft. Beim Essen werden sie schliesslich in ein Gemisch aus Sojasauce und Reisessig getunkt, das ausgezeichnet mit dem feinen Geschmack der saftigen Füllung harmoniert.

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In Korea bleibt keine Kehle trocken
Und was passt besser zu all diesen Leckereien als Soju, das Nationalgetränk Koreas? Dieses Destillat erinnert geschmacklich an japanischen Sake, denn er wird meistens auch aus Reis hergestellt, es gibt aber auch Varianten aus Getreide, Kartoffeln oder Süsskartoffeln. Für unseren Gaumen ist er am ehesten mit trockenem, wässrigen Sherry zu vergleichen. Am Anfang mag Soju etwas gewöhnungsbedürftig sein und es gibt bestimmt geeignetere Durstlöscher, aber mit der Zeit kommt man zum Schluss, dass er ausgezeichnet zu den manchmal etwas strengen Geschmäcken der koreanischen Küche passt bzw. diese zu neutralisieren vermag.
Der allgegenwärtige Soju - auch erhältlich im handlichen Tetra-Päckli zum Mitnehmen

Der allgegenwärtige Soju - auch erhältlich im handlichen Tetra-Päckli zum Mitnehmen

Posted by b.visser 04:31 Archived in South Korea Tagged food bbq mandu korean soju Comments (4)

Südkorea - Im Land der Morgenstille

Erste Station: Busan

semi-overcast 24 °C
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Bereits fünf Stunden, nachdem wir in Fukuoka abgelegt hatten, tauchten am Horizont die Hochhäuser Busans auf, der zweitgrössten Stadt Südkoreas. Es war ein besonderes Erlebnis, statt per Flugzeug mit dem Schiff in ein Land einzureisen, obwohl sich die Passkontrolle im Hafen nicht gross von jener am Flughafen unterschied.

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Einlaufen in Busan

Durchfahrt unter der Gwangan-Brücke.

Durchfahrt unter der Gwangan-Brücke.

Eine Unterkunft hatten wir bereits über Agoda reserviert, schliesslich war Wochenende und wir hatten keine Lust, lange auf die Suche zu gehen. Unsere Bleibe - mit dem unscheinbaren Namen "M2 Motel" - hielt jedoch eine Überraschung für uns bereit. Hatten wir in Japan noch über die "Love Hotels" geschmunzelt, wurde uns nach dem Check-In langsam bewusst, dass wir in eben solch einem gelandet waren. Der Empfangsbereich hatte uns bereits stutzig gemacht - auf einer Leuchttafel waren die verschiedenen Zimmer abgebildet, die meisten in poppigem 80er-Jahre-Design mit Wandtapeten und schnittigem Interieur. Der Frontdesk war ein Schalter mit verdunkelter Scheibe und einer Öffnung gerade mal so gross, dass man den Zimmerschlüssel und die Kreditkarte durchschieben konnte. Im Zimmer erwarteten uns eine etwas kitschige Moulin-Rouge-Wandtapete (die meinen Geschmack als Heimweh-Parisien durchaus traf), wahlweise schummriges Licht und auffallend viele Beauty-Produkte für weibliche Gäste. Und für vergessliche Liebespaare die entsprechenden "Schutzvorkehrungen" ^_^

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Kuschliges Ambiente auf Koreanisch


Ab ins Grüne

Am nächsten Tag zog es uns bereits aus dieser quirligen Metropole hinaus ins Grüne zum Beomeo-sa Tempel, der etwas ausserhalb, umringt von sattgrün bewachsenen Hügeln, liegt. Der stattliche, farbenfrohe Tempel war bereits gut besucht und so gingen wir nach kurzer Zeit weiter, denn eigentlich galt er uns nur als Ausgangspunkt für eine Tageswanderung im darüberliegendenen Fort Geumjeongsanseong . Von diesem ist ausser der Befestigungsmauer nichts mehr erhalten, aber das ehemalige Festungsgebiet dient heute als beliebtes Wandergebiet mit vielen verschiedenen Routen. Wir wählten die ca. 8 km lange Route vom Nordtor zum Südtor und spazierten und kletterten die nächsten 4 Stunden gemütlich der bestens (auf koreanisch) ausgeschilderten Route entlang. Zwischendurch boten sich uns Aussichten auf die Stadt hinunter und Ansichten, die mit etwas Fantasie an die Grosse Mauer in China erinnerten.

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Kunstvolles Zimmerhandwerk

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Die kleine Mauer von Südkorea

Das Osttor.

Das Osttor.

Am Abend machten wir Bekanntschaft mit einer südkoreanischen Institution, der wir sehr angetan waren: einem sogenannten "Hof". Hofs (oder Höfe?) sind Bierkneipen, die offenbar keine Lizenz für härtere Sachen haben, diese dafür mit einer beeindruckenden Bierauswahl wettmachen. Jene Biertrinkenden, die bereits einmal in Asien waren, wissen, dass der lokale Gerstensaft zwar durchaus schmackhaft ist, aber manchmal verleidet. Nun, da bietet ein koreanischer "Hof" die Lösung: Dutzende internationale Biere, offen oder in der Flasche, zu erschwinglichen Preisen. Ob Guinness, VB, Budvar, Hoegaarden oder Lapin Kulta - für jeden ist etwas dabei! Und als Holländer bin ich natürlich immer schwer beeindruckt, wenn ich Grolsch in der Bügelflasche vorfinde :)
Aber auch der steigende Bierpegel machte die Verständigung mit den koreanischen Gästen am Tresen nicht einfacher und so beschränkte sich unser Gespräch wie so oft auf ein Minimum (auch die Übersetzungs-App unseres Nachbars konnte da nicht helfen ...).

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Beim Schnauz des Konfuzius!

An unserem zweiten Tag in Busan hatten wir eine leidliche, aber immer wieder notwendige Mission: Bargeld auftreiben. Dies kann in Asien ein mühseliges Unterfangen sein, denn es gilt, sämtliche Geldautomaten abzuklappern und auszuprobieren, ob sie Maestro akzeptieren (denn wir weigern uns standhaft, mit der Kreditkarte Geld zu beziehen wegen der absurd hohen Gebühren).
Nachdem wir im Hauptbahnhof den Jackpot geknackt hatten, machten wir uns auf den Weg an einen der Stadtstrände Busans. Das Wetter hatte bereits umgeschlagen und so fuhren wir eigentlich nur noch hin, um uns den Wahnsinn einmal anzusehen. Denn Busan zählt 3,6 Millionen Einwohner und gerade mal sieben Strände - Rimini (oder Scheveningen) im Grossformat, sozusagen.

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Badespass in intimem Rahmen

Posted by b.visser 07:17 Archived in South Korea Tagged love motel busan haeundae beomeosa geumjeongsanseong Comments (1)

Kyushu

Unsere letzten Tage in Japan

overcast 25 °C
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Nach unserem Fuji-Abenteuer folgten wir der Einladung eines netten Ehepaares, das wir in der ersten Woche auf Irabu-jima kennengelernt hatten. Wir waren eben gerade ins Gespräch gekommen und schon wurden wir zu ihnen nach Hause in ihre Heimatstadt Kumamoto eingeladen. Das traf sich gut, denn wir hatten ohnehin vor, von Kyushu aus das Land Richtung Südkorea zu verlassen.

Kyushu ist nach Honshu und Hokkaido die drittgrösste der japanischen Hauptinseln; zu den berühmten Städten zählen Nagasaki und Fukuoka.

Mit dem rasendschnellen Shinkansen-Zug in Kumamoto angekommen, wurden wir von T. und K. in Empfang genommen und nach einem kurzen Zwischenhalt bei ihnen Zuhause sogleich in einen Onsen geführt. Onsen sind Thermalbäder, die man in Japan so häufig findet wie Sand am Meer. Meist - wie in unserem Fall - gehen Männlein und Weiblein getrennt baden. So schloss sich Katja T. an und ich K.
Wie immer, wird zuerst gewaschen, dann gebadet. Wir hatten unsere Onsen-Erfahrungen ja bereits vor fünf Jahren auf unserer Hochzeitsreise gemacht und so war mir bewusst, dass ich eine Stunde lang mit lauter fremden japanischen Herren pudelnackt in einem lauschigen Aussenbad vor mich hin pochieren würde - allerdings mit Aussicht aufs Meer und über die Bucht auf Nagasaki.

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Blick vom Bad aufs Meer (weit hinten am Horizont)

Den Abend verbrachten wir mit köstlicher Hausmannskost und viel Wein. Diesmal jedoch kein Reiswein, sondern "richtiger" Wein, wie wir ihn von Zuhause kennen. Denn es stellte sich heraus, dass unsere Gastgeber der europäischen Küche sehr angetan sind. So standen nebst Pferde-Sashimi, Bittergurkensalat und gedünsteten Okraschoten auch Auberginen-Gratin und Spaghetti mit selbstgemachtem Pesto auf dem Menu.

Am nächsten Morgen erkundeten wir Kumamoto auf eigene Faust, es wartete ein weiteres Schloss auf uns. Wie in Osaka auch handelte es sich leider nur um einen Nachbau, denn der ursprüngliche Bau fiel ebenfalls den Flammen zum Opfer. Japanische Schlösser (oder Burgen, wir sind uns nicht einig) bestanden ebenfalls wie Tempel, Schreine und Wohnbauten mehrheitlich aus Holz. Ein gut platzierter Brandpfeil und dahin war die ganze Pracht!

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Das Kumamoto-Castle-Figürchen

Das Kumamoto-Castle-Figürchen


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The last Samurai?

Der Bär "Kumamon" ist das Maskottchen von Kumamoto.

Der Bär "Kumamon" ist das Maskottchen von Kumamoto.

Am Nachmittag nahm uns unsere Gastgeberin mit auf eine Fahrt ins Hinterland von Kumamoto auf den Mt. Aso. Wiederum kein eigentlicher Berg, sondern ein Vulkan und dazu noch ein halbwegs aktiver. Der Schwefelgestank und der dick emporsteigende Rauch liessen keine Zweifel darob offen!

Der aktive Vulkan Aso-Gebirge. An diesem Tag leider ohne grünes, blubberndes Wasser, dafür anscheinend mit unüblich starker Rauch-Emission.

Der aktive Vulkan Aso-Gebirge. An diesem Tag leider ohne grünes, blubberndes Wasser, dafür anscheinend mit unüblich starker Rauch-Emission.

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Mit unserer Gastgeberin auf Vulkantour beim Mount Aso.

Mit unserer Gastgeberin auf Vulkantour beim Mount Aso.

Dann hiess es auch schon Abschied nehmen von unseren Freunden (ein Wiedersehen in der Schweiz ist langfristig geplant). Wir entschlossen uns kurzerhand, mit unserem Railpass noch einen Abstecher in den Süden nach Kagoshima zu machen. Dort lud ein weiteres Aquarium zum Bestaunen der vielfältigen Meeresfauna ein. Zum Auftakt gab es eine kurze Delfin-Show und im Hauptbecken erwartete uns diesmal ein tatsächlicher Walhai. Korrigendum zum Osaka-Post: Walhaie sind keine Veganer, manchmal verschlucken sie auch Schalentiere, Sardinen und anderes kleines Getier. Man lernt nie aus ...

Unser letzter Abend in Fukuoka mit unseren Gastgebern in einem Izakaya (Kneipe mit günstigem Bier, Sake und viel Häppchen).

Unser letzter Abend in Fukuoka mit unseren Gastgebern in einem Izakaya (Kneipe mit günstigem Bier, Sake und viel Häppchen).

Blick über Kagoshima mit dem Hausvulkan Sakurajima.  Bei schlechter Laune nebelt er bisweilen die Stadt mit Schwefel ein.

Blick über Kagoshima mit dem Hausvulkan Sakurajima. Bei schlechter Laune nebelt er bisweilen die Stadt mit Schwefel ein.

Das Aquarium in Kagoshima beherbergt drei Delfine, die in einem "Aussengehege", das Teil des Ozeans ist, untergebracht sind.

Das Aquarium in Kagoshima beherbergt drei Delfine, die in einem "Aussengehege", das Teil des Ozeans ist, untergebracht sind.

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Sorry für die vielen Delfin-Föteli, aber ich LIEBE Delfine ;-) (Editor: birdfish :-D )

Sorry für die vielen Delfin-Föteli, aber ich LIEBE Delfine ;-) (Editor: birdfish :-D )

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Wailing Whalie.<br />Etwas seltsam - aber nicht so seltsam, wie die Fisch-Streichel-Abteilung, die es in jedem japanischen Aquarium zu geben scheint - ist dieser Whaleshark, der seine traurigen Runden im Pool von Kagoshima dreht. Hmmm... Ich (Katja) bin froh, dass ich meinen ersten Walhai in freier Wildbahn in Australien gesehen habe.

Wailing Whalie.
Etwas seltsam - aber nicht so seltsam, wie die Fisch-Streichel-Abteilung, die es in jedem japanischen Aquarium zu geben scheint - ist dieser Whaleshark, der seine traurigen Runden im Pool von Kagoshima dreht. Hmmm... Ich (Katja) bin froh, dass ich meinen ersten Walhai in freier Wildbahn in Australien gesehen habe.

Fukuoka sollte schliesslich unsere letzte Station in Japan sein. Fukuoka ist eine freundliche, unprätentiöse mittelgrosse Stadt, die weniger aufgrund ihrer Attraktionen als ihrer entspannten Atmosphäre gefällt. Wir nutzten die Gelegenheit, um die ersten Souvenirs nach Hause zu schicken und verbrachten unsere letzten Stunden auf dem Fukuoka-Tower, beim Baseball-Stadion der Fukuoka Hawks (für Unwissende: nebst Sumo-Ringen gilt Baseball als Nationalsport Japans) und im Stadtpark mit japanischem Garten. Das Ganze leider bei eher unwirtlichem Wetter - wir bekamen noch die Ausläufer eines Taifuns zu spüren.

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Am nächsten Morgen gingen wir an Bord der Camellia-Fähre, die uns in sechs Stunden nach Busan in Südkorea bringen sollte. Wehmütig nahmen wir auf dem Aussendeck des Schiffes von Fukuoka und Japan Abschied, das am Horizont immer kleiner wurde und schliesslich im Grau des trüben Regenwetters verschwand.

Die Camellia-Fähre fährt einmal pro Tag zwischen Fukuoka und Busan. Der teurere Hydrofoil fährt hingegen mehrmals.

Die Camellia-Fähre fährt einmal pro Tag zwischen Fukuoka und Busan. Der teurere Hydrofoil fährt hingegen mehrmals.

Letztes Selfie aus Japan :-(

Letztes Selfie aus Japan :-(

Posted by b.visser 07:35 Archived in Japan Tagged mt. fukuoka kyushu aso kagoshima kumamoto Comments (0)

Wie man sich bettet, so liegt man

Übernachten in Japan

Dem Japanreisenden bieten sich viele verschiedene Möglichkeiten, die Nacht zu verbringen. Für unser Verständnis eher ungewöhnlich sind die bereits
beschriebenen Internet-Cafés oder die "Capsule Hotels" - eine wie Bienenwaben angeordnete Ansammlung von Kojen, gerade mal lang und breit genug für eine Person, dafür günstig. Ideal für den überarbeiteten Salaryman, der den letzten Zug verpasst oder wegen eines ausufernden Sake-Gelages mit den Bürokollegen nicht gefunden hat.

Um einiges einladender sind da die sogenannten Business-Hotels, von denen auch wir immer wieder Gebrauch machten. Vor allem in den Städten sind Hotel-Ketten wie Toyoko Inn oder Nishitetsu gut vertreten und bieten kleine, aber mit allen Annehmlichkeiten ausgestattete Zimmer für - wie der
Name erahnen lässt - Geschäftsleute. Aber auch gewöhnliche Touristen sind stets willkommen, denn ein Einzelzimmer mit Queen-Size-Bett wird dann
kurzerhand als "Small Double" verkauft. Seine Kleider kann man in Münzautomaten waschen und auf jeder Etage steht ein Getränkeautomat bereit, damit man auch zu später Stunde nicht auf ein kühles Asahi-Bier verzichten muss.
Der Nachteil solcher Kettenhotels liegt auf der Hand: Die Zimmer gleichen sich wie ein Ei dem anderen und überzeugen nicht gerade durch gemütliches
Ambiente.

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Manchmal wird's eng zu zweit im Business-Hotel (aufgenommen von der Zimmertüre aus, links befindet sich die Nasszelle)

Besonders kurios sind die sogenannten "Love Hotels". Was schlüpfrig klingt, ist in Tat und Wahrheit die pragmatische Lösung für ein simples Problem:
Die Bevölkerungsdichte und die Wohnkosten in Japan sind enorm hoch. Junge Leute wohnen oftmals bis zur Heirat bei ihren Eltern in beengten Platzverhältnissen, wo wenig Raum für Privatsphäre bleibt. So mieten sich verliebte Paare in Love Hotels ein, um ungestört einige Stunden oder die Nacht in trauter Zweisamkeit zu verbringen. Um der Liebe etwas auf die Sprünge zu helfen, haben die Zimmer manchmal ein besonderes Thema: 1001 Nacht, tropisches Inselparadies ... oder Weihnachten (?!).

Wer aber wirklich in den Genuss japanischer Gastfreundschaft kommen möchte, sollte in einem Ryokan oder Minshuku übernachten. Ryokan sind traditionelle Gasthöfe, nicht selten mit eigenem "Onsen", einer Thermalquelle; Minshuku sind mit Bed-and-Breakfast zu vergleichen. Betten gibt es jedoch in keinem der beiden, denn geschlafen wird auf einem Futon, einer dünnen Matratze, welche direkt auf dem mit Reisstrohmatten (Tatami) ausgelegten Boden ausgerollt wird.
Ein japanisches Zimmer ist stets schlicht gehalten. Ein niedriger Salontisch mit ein paar Sitzkissen, ein kleiner Kühlschrank und ein Wasserkocher
mit einigen Teebeuteln müssen reichen. In einer Nische hängt meist eine Schriftrolle oder ein Bild.

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Japaner mögens schlicht - nichts soll von einem erholsamen Schlaf ablenken

Vor allem in den günstigeren Minshuku verfügen die Gästezimmer über keine eigenen Badezimmer und die Gäste teilen sich den Waschraum. Dafür steht für den müden Reisenden bei der Ankunft schon ein heisses Bad bereit. Aber wehe dem, der da einfach so hineinsteigt! Das Bad ist dazu da, sich zu entspannen und die müden Muskeln zu verwöhnen. Gewaschen wird vorher: Eine Duschbrause, ein kleiner Holzzuber und ein Schemel stehen bereit, damit man sich im Sitzen der gründlichen Körperreinigung widmen kann. Erst wenn man sauber gewaschen ist, setzt man sich ins heisse Wasser, denn dieses muss noch für weitere Gäste reichen!
Anschliessend kleidet man sich mit dem bereitliegenden Yukata, einer Art Bademantel, den Westler oft fälschlicherweise Kimono nennen, und begibt
sich ins Esszimmer, wo für die hungrigen Gäste bereits aufgedeckt ist. Bei dieser Art von Übernachtung sind die Mahlzeiten meist inbegriffen, denn
mit grosser Wahrscheinlichkeit befindet man sich in einem kleineren Ort, wo es ohnehin keine Verpflegungsmöglichkeiten gibt.
Hat man sich in einem edleren (und merklich teurerem!) Ryokan einquartiert, werden die Futons bereits für die Nacht ausgelegt sein, wenn man auf
sein Zimmer zurückkehrt. In einem Minshuku macht dies der Gast selbst.

Nach einer mehr oder weniger erholsamen Nacht (der Schreibende bevorzugt aller Japanliebe zum Trotz eine weiche Matratze) wartet der Gastgeber
mit einem typisch japanischen Frühstück auf. Dazu gehören mindestens eine Miso-Suppe und eine Schüssel warmer Reis, in den man ein rohes Ei oder
eine Portion Natto, fermentierte Sojabohnen, mischen kann. Nicht fehlen darf natürlich Fisch, der meist grilliert auf den Tisch kommt oder den
der Gast über einem Teelicht zuerst noch selbst braten darf. Etwas Gemüse und Umeboshi, salzig-sauer eingelegte Pflaumen, runden den morgendlichen Schmaus ab. Gestärkt und bereit für den neuen Tag kann der Gast nun seine Reise fortsetzen oder die nächste Bakery für ein Croissant aufsuchen ...

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Typisches Frühstück (im Uhrzeigersinn, oben rechts angefangen): Grüntee, Tamago (süssliche Omelette), Gedämpfter Reis (des Japaners täglich Brot), grillierter Fisch, eingelegter Rettich und Pflaume, Misosuppe, gedämpfte Aubergine und Bohnen, gedämpfte Sojasprossen und nicht näher identifiziertes Grünzeug - En Guete!

Posted by b.visser 05:42 Archived in Japan Tagged accommodation hotel love ryokan business minshuku Comments (1)

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