A Travellerspoint blog

Im Reich der Kims

Ein Abstecher nach Nordkorea - Teil I

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Hinweis: Der folgende Eintrag ist sehr ausführlich, da ich ein wenig Kontext zu dieser wohl aussergewöhnlichsten Destination unserer Reise geben möchte.

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In der zweiten Septemberwoche unternahmen wir von Peking aus eine sechstägige Reise in die Demokratische Volksrepublik Korea, wie Nordkorea offiziell heisst. Nordkorea ist eines der abgeschottetsten und unbekanntesten Länder unserer Welt und umso mehr mag es erstaunen, dass es Touristen überhaupt möglich ist, das Land zu bereisen.
Die Reise dorthin ist nur im Rahmen einer geführten Tour erlaubt. Verschiedene Anbieter im Ausland dienen als Vermittler, wir haben uns für einen Operator in Peking unter britischer Leitung entschieden. Dieser übernahm alle Formalitäten, organisierte die Visa und die Flüge und nach einem vorgängigen Instruktionstreffen konnten wir am 9. September unseren Flug mit der nationalen Flugline Air Koryo in die Hauptstadt Pjöngjang antreten. Dort angekommen, wurden wir nach sorgfältiger Inspektion unserer Mobiltelefone, iPad usw. von unseren beiden Betreuern in Empfang genommen, die uns die kommenden Tage praktisch rund um die Uhr begleiten würden. Die beiden, nennen wir sie "Senior" und "Junior", waren uns auf Anhieb sympathisch, was erheblich zu einem angenehmen Aufenthalt in Nordkorea beitrug.

Nordkorea ist übrigens ein äusserst sicheres Reiseland - die "Rund-um-die-Uhr-Betreuung" stellt sicher, dass alles wie am Schnürchen läuft.

Unsere Beweggründe
Darüber, ob eine Reise in ein Land, das mit eiserner Faust regiert wird, wo die Bevölkerung in bitterer Armut darbt und ein Führerkult zelebriert wird, der seinesgleichen sucht, moralisch vertretbar ist, kann man streiten. Wir und viele weitere Besucher sind jedoch der Meinung, dass der wenige Kontakt zur Aussenwelt, den Einheimische im Austausch mit Touristen erhalten, vielleicht langfristig dazu beitragen kann, Ressentiments und Vorurteile gegenüber dem Westen abzubauen und zu zeigen, dass auch von aussen ein genuines Interesse an Land, Leute und Kultur besteht.
Wer jedoch hitzige politische Diskussionen mit Einheimischen erwartet oder es als seine Mission betrachtet, vor Ort Kritik am Regime zu üben, ist eindeutig fehl am Platz. Man muss akzeptieren, dass die Geschichte, die einem aufgetischt wird, sehr einseitig (und häufig schlichtweg falsch) ist. Mit der Zeit wird man sich aber bewusst, dass jede Geschichte zwei Perspektiven hat. Eine davon haben wir näher kennengelernt.

Pomp und Gloria in Pjöngjang
Zu Beginn unserer Reise wurde uns in den ersten beiden Tagen der ganze sozialistische Bombast vorgeführt, um den kein Tourist herumkommt. Morgens früh ging es zum Mansudae Grand Monument, das aus zwei riesigen Statuen von Kim I. und Kim II. besteht, zu deren Füssen wir Blumen hinlegen und uns verbeugen "durften" - damit respektiert man einfach die lokalen Gepflogenheiten und es ist nichts anderes, als wenn man vor dem Betreten eines buddhistischen Tempels die Schuhe auszieht oder wenn die Frauen beim Betreten einer Moschee das Haupt bedecken.

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Heroische Standbilder flankieren den Platz.

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"Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt ...", hiess es ja schon zu DDR-Zeiten.

Weiter gings zum Victorious Fatherland Liberation War Museum, in dem mit zahlreichen Dioramen, Schaubildern und einem schwer anti-amerikanischem Propagandafilm der Koreakrieg und die raffinierten Tricks und Strategien der Guerrillakämpfer unter Kim I. aufgezeigt werden. Der ganze Stolz sind einige abgeschossene Bomber, Panzer und ein gekapertes US-Aufklärungsschiff, die im Aussenbereich ihren letzten Standplatz gefunden haben.

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Senior (l.) und Junior (r.) zeigen den Weg durch die "Schützengräben" des Museums.

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Diese freundliche Dame kommentierte detailreich unseren Rundgang durchs Museum.

Nach so vielen Heldentaten Kims I. wurde es Zeit, uns anzusehen, wo der Grosse Führer das Licht der Welt erblickte. Dazu fuhren wir vor die Stadt, wo auf einem Hügel ein bescheidenes Bauernhaus von seiner ebenso bescheidenen Herkunft zeugen soll. Das ganze sah jedoch aus, als wäre es lange nach 1912, seinem Geburtsjahr, aufgestellt worden ...

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Nach einem opulenten Mittagessen besuchten wir das Party Foundation Monument (selbsterklärend). Bemerkenswert am offiziellen Parteiwappen ist, dass nebst dem bekannten Hammer und der Sichel noch ein Pinsel abgebildet ist - dieser steht für die Intellektuellen, die laut Ideologie ebenso wie Arbeiter und Bauern zum Wohl der Gesellschaft beitragen sollen.

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Das Monument, kunstvoll festgehalten als Ölgemälde.

Weiter gings zum 172 m hohen Juche-Tower, von dem sich ein wunderbarer Ausblick über die Stadt bot. "Juche" heisst übrigens die Philosophie, die Kim I. erfunden und zur Staatsideologie gemacht hat. Ihre Grundpfeiler sind politische Souveränität, wirtschaftliche Selbstversorgung und militärische Eigenständigkeit.

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Blick vom Turm auf Pjöngjang.

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So wohnt man in Pjöngjang.

Nächster Halt war die Grosse Studienhalle des Volkes, eine riesige Bibliothek mit angeblich Millionen von Büchern, die jedem koreanischen Bürger kostenlos offensteht. Es werden auch Vorlesungen gehalten, Fremdsprachen gelehrt und es gibt sogar "Internet" (die nette Bibliothekarin meinte voller Stolz, sie hätten gar 40 "Internet"!? - Bitte die Kommentarfunktion benutzen, wer weiss, wie der Plural von "Internet" lautet: Internets oder gar Internette?).

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Im Eingangsbereich der Studienhalle wird man vom Ewigen Präsidenten Kim Il-Sung begrüsst.

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Studierende beim Fremdsprachenbüffeln.

Am Ende des ersten Tages besuchten wir noch den Children's Palace, wo Kinder jeden Alters ausserschulisch Kunsthandwerk, Musik, Tanz, Sport usw. lernen und betreiben können. In einem Land ohne Facebook, iPads oder Computer-Games haben Kinder eben noch richtige Hobbys. Am Schluss wurden die Besucher mit einer perfekt einstudierten Darbietung belohnt, in der die Kinder voller Stolz ihr ganzes Können demonstrierten.

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Jeder fängt mal klein an ...

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Audienz beim Grossen Führer

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Am nächsten Morgen fuhren wir zum Höhepunkt eines jeden Besuchs in Pjöngjang: dem Kumsusan Sun Memorial Palace. Einst das Parlament, in dem Kim I. schaltete und waltete, wurde es nach seinem Tod 1994 in ein Mausoleum umgewandelt, wo der Ewige Präsident ähnlich wie seine ideologischen Genossen Lenin, Mao und Ho Chi Minh heute noch ehrenvoll aufgebahrt liegt. 2011 wurde Kim II. nach seinem Ableben in einem separaten Trakt hinzugefügt. Nach einer endlosen Fahrt auf Rollbändern (wie im Flughafen) an unzähligen Portraits vorbei, begleitet von Trauermusik, und Durchqueren einer Schuhputzanlage und einer Entstaubungsschleuse gelangt man in den abgedunkelten Saal, in dessen Mitte der Grosse Führer in einem Kristallsarg, zugedeckt mit der Parteiflagge, liegt. Eine Prozession von Besuchern schlängelte sich andächtig um den Leichnam, drei Mal musste man sich dabei verbeugen. Anschliessend wurden die Besucher in weitere Räume geführt, wo Auszeichnungen, Medaillen, die Staatskarrosse und sein persönlicher Zugwaggon gezeigt wurden. Anschliessend dann das gleiche Programm von vorne, diesmal beim Sohnemann Kim Jong-Il. Nach so viel Andacht tat ein Spaziergang in der weitläufigen Gartenanlage richtig gut.

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Besucherinnen kleiden sich für den Besuch dieser heiligen Stätte in traditionelle Gewänder.

Ach ja: Zum erwarteten Respekt vor den Führern gehört eine anständige Garderobe und für die Männer bedeutet das Hemd und Krawatte, was jeder anständige Backpacker schliesslich stets dabei hat. In weiser Voraussicht habe ich mich auf dem Textilmarkt in Seoul rechtzeitig ausgestattet :)

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Zum Verschnaufen fuhren wir anschliessend zur Stadt hinaus auf einen nahegelegenen Berg, von dem sich nach einem kurzen Aufstieg eine schöne Aussicht über Pjöngjang und das Umland bot. Unsere beiden Führer hatten sich den Nachmittag wohl etwas weniger schweisstreibend ausgemalt, aber sie blieben bei guter Laune :)

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Zurück in der Stadt durften wir die berühmt-berüchtigte U-Bahn besuchen und sogar eine (!) Station weit mitfahren (obwohl eigentlich fünf angekündigt waren). Um dieses Bauwerk ranken sich viele Mythen: Manche behaupten, es gebe gar kein U-Bahnnetz, sondern nur zwei Stationen mit Statisten, die den Touristen etwas vorgaukeln sollen. Viel wahrscheinlicher ist, dass einige der gerade mal 17 Stationen nicht in Betrieb sind, weil der Strom chronisch knapp und der Unterhalt teuer ist. Fakt ist jedenfalls, dass das Rollmaterial aus ausgemusterten Wagen der Berliner U-Bahn besteht. Der Prunk der beiden besichtigten Stationen erinnerte jedenfalls an das Moskauer Vorbild.

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Das bescheidene U-Bahnnetz.

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An jeder Strassenkreuzung anzutreffen: Pjöngjangs kesse Politessen.

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Der Triumphbogen zu Ehren Kim Il-Sungs erster Ansprache zum Volk - ganze 3 Meter höher als sein Pariser Vorbild.

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Das Wiedervereinigungsmonument: Je eine der Frauen steht für eine Landeshälfte.

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Blick vom Kim-Il-Sung-Platz über den Fluss zum Juche-Turm.

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Abendstimmung in Pjöngjang, gesehen von unserem Hotelzimmer aus im 34. Stock.

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Das Ryugyong Hotel. Der Schein trügt: Fast zwei Jahrzehnte lang verunstaltete der nackte Rohbau das Stadtbild, da sich die Investoren zurückgezogen hatten. Erst kürzlich wurde die Fassade verkleidet, dahinter steht der Koloss jedoch immer noch leer.

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Besuch im "Foreigners Bookshop", wo wir uns mit den gesammelten Werken der Kims hätten eindecken können.

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Festlich gekleidet huldigen die Pjöngjangerinnen am Nationalfeiertag (9. September) dem Grossen Führer.

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Schulkinder ziehen nach Schulschluss singend durch die Strassen.

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Ein Jugendorchester gibt Marschmusik zum Besten.

Posted by b.visser 03:55 Archived in North Korea Tagged kim dprk pyongyang il-sung jong-il

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Comments

Es gubt keine Mehrzahl. Es gibt nur ein Internet, aber verschiedene Zugänge!
Und? Gibts auch noch Infos und Bilder von Nordkoreas ländlicher Umgebung?

by Franziska aka Zissi

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